Tender to Vogel – Spaß to Ernst!

Crew Steiermark

Die ersten Schlechtwetterbotschaften kamen mittwochs aus Ancona. Ernst M. und Harry N. waren mit der SY JoEh schon weiter südlich und  kündigten den kommenden Jugo an, als die FB4-Prüfungskandidaten noch vor dem wohligen Kamin saßen, noch keine Ahnung was die Welle in den nächsten Tage so anspülten sollte.

Die SY COMPAÑERA lag Freitag mittags schon klar zum Auslaufen in der Marina San Rocco. Eigner Christian H. stellt für den anstehenden FB4-Praxisprüfungstörn seine wunderschöne Hanse 445 zur Verfügung. Unter österreichischer Fahne sollte sie eine gute Gefährtin für die kommende Tage werden. Die letzte Besprechung, das Wetter nochmals gecheckt! Süd bis Südost, 20-30,  diesig, wenig Regen. Signifikante Wellenhöhe ~1,0-1,2 m.

Letzte sehnsüchtige Gedanken nach dem wohligen Kamin von Vorgestern, Leinen los rasch auf Kurs 224°. Unter Vollzeug lief die brave COMPAÑERA mit 8 Knoten Fahrt dahin, noch lagen ein paar Seemeilen vor uns, bis wir die Nase um das Kap Savudrija stecken würden. Vorsorglich wurden bereits die Segel gerefft und das „Fischfutter“ bereitgestellt. Unser Ansteuerungspunkt war der markante Rauchfang in der Poebene.

Eine erste Messung mit dem Sextanten, solange die Sonne noch vom Himmel lachen würde. Theorie und Praxis treffen sich in der Realität. Die Sonnenscheibe tänzelt an der Kimm. Halt doch still COMPAÑERA!

Noch gönnte sich die Freiwache ein Plauscherl, bevor es in die dunkle Nacht geht und nur noch die Wachhabenden munter sind! Dankbar wenn man in der Nacht abgelöst wird, das nächste Reff ist schon eingebunden. Es schläft sich gut, auch wenn man ab und an laut auf die nächste Welle krachte, die sich im Dunkeln dann doch etwas steiler und höher anpirscht. Ca. 30% höher als angegeben, so sagt man doch. Vereinzelt höher wirkend als sie tatsächlich sind. Der Windwirkungsweg bleibt eben doch kürzer, man überschätzt sie leicht.

Aber es schläft sich gut, man fühlt sich in seiner Koje sicher. Dankbar, dass man in einem zusammengewürfelten Trupp so schnell die Vertrauensbasis findet.

Im AIS kreuzt ein SAR-Schiff Steuerbord voraus, gelegentlich hört man kaum verständlich im Funk die Wortfetzen PAN PAN. Die Nacht bringt noch ein paar Regengüsse, dann bricht der Tag an und die Wellen rollen weiter und weiter unter COMPAÑERA hindurch, bis es genug ist, die Kreuz  gegen einen etwas ruhigeren Vorwindkurs zu tauschen. 24h gegenan, Gedanken an den Kamin werden wieder wach. Zeit für eine warme Mahlzeit. Hunger ist doch der beste Koch!

Immer so weiter, im ewigen Trott von Welle und Wache. Und als Porto di Lido vor COMPAÑERA liegt, macht sogar der Wind eine kurze Pause, nur um nochmals Kraft zu sammeln, für den letzten Schlag gegen Osten.

Jetzt zeigt sich auch wieder die Sonne. Der Sextant darf die schützende Kiste verlassen. Bei bestem Segelwetter, aber immer noch mit einem schönen kräftigen 5-6 Beaufort-Lüfterl, lachte das Seglerherz und die UV-Strahlen brutzelten genüsslich auf der Haut.

„Dinghi voraus“, der Steuermann sieht es zuerst und anstatt „Boje“ wird „Dinghi über Bord!“ gerufen. Ein Ernstfall? Rasch ist jeder an einer Position! Ja, an EINER Position. Denn mit dem steigenden Adrenalin im Blut, gibt sich die Crew nach einer missglückten ersten Anfahrt selbstkritisch keine Bestnoten bei der Rettungsaktion. Vielleicht etwas zu selbstkritisch, denn bei 20 kn und der Welle holt man das schwere Teil nicht so einfach aus dem Wasser. Zwar wurde das Boot beim ersten Anlauf ergriffen, „Tender to Vogel“, so steht es drauf geschrieben, zieht es aber vor, den Bootshaken mit ins Unglück zu reißen  Mit einem letzten Winker sehen wir den Haken noch kurz vor der zweiten Anfahrt. Dann entschwindet er langsam und sinkt Sekunden vor seiner Rettung in die blaue Tiefe.
Im zweiten Anlauf wird nun das Beiboot gepackt und mit Manneskraft ans Deck gezerrt, wo zum ersten Mal der sonderbare Inhalt auffällt. Ein Schlafsack, zwei Drybags (einer im anderen verpackt), 2 Wasserfalschen, ein faltbarer Pütz und eine Schwimmweste. Das mulmige Gefühl wird nicht besser, als im Drybag noch ein Handy einer amerikanischen Früchtemarke der Generation 10+ zum Vorschein kommt. Man will den Teufel nicht an die Wand malen. Der Inhalt machte nachdenklich, die letzten 48h waren wahrlich kein Badeausflug. Vorsorglich wird die Guardia Costeria angefunkt, die im ersten Moment auch einen Helikopter ankündigte. Nichts war im Umkreis zu sehen. Die COMPAÑERA lief wieder gegen Osten und kam abends wohlbehalten in San Rocco an.

Zur bestandenen FB4 Prüfung: Herzlichen Glückwunsch an Christian und Paul H., Johann A. und Georg M., Wolfgang M. und Harald S..
Im Namen der Crew auch ein herzlichen Dankeschön an den Prüfer Mike H..
Selbstverständlich verrät die Crew auch nicht, dass der Prüfer 5 Stück vom leckeren Kuchen gegessen hat ;-) ! Von einem der wohlgemerkt fünf leckeren Kuchen! Über die anderen Kuchenstücke ist der Crew nichts genaues bekannt. Hier gilt der Dank den tapferen Seemannsfrauen, die sich hoffentlich nach den Mühe in der Backstube einen Lenz gemacht haben, als die Haustür hinter ihrem Seebären endlich ins Türschloss fiel.
Danke für die tolle gemeinsame Zeit und das kleine Abenteuer auf dem wackeren Schiff COMPAÑERA!

Anmerkung: Obwohl bei unserer Ankunft die Guadria Costeria schon vor Ort war, wurde uns nichts über die tatsächlichen Umstände unseres Fundes mitgeteilt. Wir stellten eine Kopie des Prüfungslogbuches und der digitalen Aufzeichnung zur Verfügung. Das Handy wurde von der Küstenwache mitgenommen. Wir bleiben frohen Mutes, dass sich das Boot nur im Sturm losgerissen  und jemand einfach nur zu viel Taschengeld zur Verfügung hat, solch ein teures elektronisches Spielzeug unbedarft bei einem Sturm in einem Dinghi zu belassen. Es würde uns freuen, wenn sich jemand bei uns melden würde, um das Happy End der „Tender to Vogel“ zu berichten!
Die Crew der COMPAÑERA